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Erwartungsfokussierte Psychotherapie: Warum Erwartungen unser Wohlbefinden bestimmen, und wie wir sie verändern können


Die Rolle von Patienten-Erwartungen wird gerade durch Placebo-und Nocebo-Effekte sehr deutlich. Entsprechend ist die Korrektur ungünstiger Patienten-Erwartungen bei vielen psychotherapeutischen Behandlungsansätzen ein implizites oder explizites Behandlungsziel. Frühere Konzepte von „korrigierenden Erfahrungen“ in der psychotherapeutischen Beziehungsarbeit können damit genauso in Verbindung gebracht werden wie das moderne, revidierte Verständnis von Expositionstherapien. Erwartungen sind nicht nur als Motor von Behandlungseffekten, sondern auch ein Kernmerkmal psychischer Erkrankungen. Dies  legt nahe, einen stärkeren psychotherapeutischen Fokus auf Erwartungen zu legen („Erwartungsfokussierte Psychotherapie“).
Erwartungsverletzung wird unter unterschiedlicher Perspektive beleuchtet, wie zum Beispiel bzgl. Beziehungserwartungen, impliziten Erwartungen, Verhinderung von Erwartungsveränderungen durch kognitive Immunisierung oder Erwartungsveränderung durch intensive korrigierende Erfahrung (Exposition). Es wird geübt, wie komplexe Problemdefinitionen auf die Identifikation relevanter Kern-Erwartungen herunter gebrochen werden kann, und wie diese Erwartungen dann verändert werden können. Dabei wird auch dem Konzept der „kognitiven Immunisierung“, ein Prozess mit dem oftmals Veränderungsprozesse verhindert werden, Aufmerksamkeit gegeben. Es wird daraus abgeleitet, wie Psychotherapie unterschiedlicher Profilierung und Herkunft diese Prozesse der Erwartungsaufrechterhaltung und -veränderung noch mehr berücksichtigen kann,  dadurch Behandlungsmisserfolge reduziert werden und die Behandlungseffektivität gesteigert werden kann.

Veranstaltungstag

Samstag, 04. Mai 2024

Dozent

Winfried Rief

Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie, Philipps Universität Marburg. Leiter der Psychotherapie-Ambulanz Marburg und des postgradualen Ausbildungsgangs für Psychotherapie. Approbierter psychologischer Psychotherapeut und Supervisor. Professor Rief arbeitete viele Jahre in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken, bevor er im Jahr 2000 das Angebot einer Professur an der Philipps Universität annahm. Er spezialisierte sich auf somatoforme Beschwerden, Klassifikation chronischer Schmerzsyndrome, und in neuerer Zeit zunehmend auf die Themen Placebo-und Nocebo-Mechanismen. Die Initiative einer Arbeitsgruppe unter seiner Leitung führte 2009 zur Einführung der neuen Diagnose „chronische Schmerzen mit psychischen und somatischen Faktoren“ (ICD-10 GM F45.41). Als Co-Chair zusammen mit Professor Treede und einer entsprechenden internationalen Arbeitsgruppe entwickelte er ein neues Klassifikationssystem für chronische Schmerzen, das 2019 in den finalen Entwurf von ICD-11 aufgenommen wurde. Als Sprecher einer DFG- Forschergruppe arbeitete er an Placebo-und Nocebo- Mechanismen bei verschiedenen körperlichen Krankheiten (Herzchirurgie, Schmerzsyndrome, Depressionen). Von 2011 bis 2020 war Professor Rief DFG-Fachkollegiat, auch in der entsprechenden DFG-Gruppe für klinische Studien. Er war Gastprofessor an den Universitäten Harvard Medical School, Boston (2004/2005), University of Auckland Medical School (2002), und University of California San Diego (2009/2010). Er erhielt verschiedene wissenschaftliche Preise, unter anderem den Distinguished Researchers Award in Behavioral Medicine in 2014 und den Preis der Europäischen Psychosomatischen Medizin EAPM 2020.



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